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Konnektivitätsverluste und ihre Bewältigung im kolonialen und postkolonialen Ostafrika

Panel abstract
Die Verflechtung Afrikas mit anderen Weltteilen vollzog sich nicht unidirektional als progressive Verdichtung von Konnektivität, sondern beinhaltete auch gegenläufige, regressive Elemente: Grenzziehungen, Verlagerungen von Verkehrswegen, Abwanderungsbewegungen und viele andere Phänomene konnten – mal abrupt, mal schleichend – desintegrative Effekte bewirken.
So büßten etwa an der Atlantikküste Afrikas wie auch in ‘Indian Ocean Africa’ manche Knotenpunkte der Handelsschifffahrt diese Funktion nach der Öffnung des Sueskanals und dem Aufkommen der Dampfschiffe ein. Anderswo verwandelten sich Bergbau- und Goldsuchersiedlungen nach der Ausbeutung der Bodenschätze in Geisterstädte. Manche Landstriche wurden durch das Fortschreiten von Bodendegradation und Wüstenbildung entvölkert – vielerorts beschleunigt durch koloniale Agrarpolitiken –, andere durch Landflucht infolge von Urbanisierungsprozessen oder etwa durch die Einhegung von Naturschutzgebieten. Einwanderungsgesetzgebungen ließen Migrations- und Handelsströme jäh abbrechen, langjährige Zentren des Sklavenhandels erfuhren infolge der Abolition eine Isolierung.
Solche und andere Formen von Konnektivitätsverlust – die Aufzählung ließe sich unschwer erweitern – diskutiert das Panel in historischer Perspektive. Im Mittelpunkt stehen das Abreißen von Verbindungen zwischen Afrika und seinem Äußeren, Konnektivitätsverluste innerhalb des Kontinents sowie Wechselwirkungen zwischen beiden Ebenen.
Makrohistorische Perspektiven können erhellen, wann und wo sich in Afrika gleichsam der ‘Verdichtungsschübe’ globaler Integration womöglich auch markante Phasen der Regression von Konnektivität manifestierten. In mikrohistorischer Nahsicht lässt sich zeigen, was das Unter- oder Abbrechen von Verbindungen ‘im Kleinen’ bewirkte. Ein besonderes Interesse des Panels gilt der Bewältigung von Konnektivitätsverlust: Wie reagierten afrikanische Akteure auf das Abreißen von Verbindungen? Wie wurden solche Erfahrungen narrativiert, medialisiert und diskursiviert? Wie werden sie erinnert?

Time: Friday, 29/06/2018, 8.30 - 10.30 am
Venue: Hörsaalgebäude, HS 17

Convenors
Felix Schürmann (University of Kassel)

Panellists
Norman Aselmeyer (European University Institute, Florence, Italy)
Julia B. Held (University of Konstanz)
Geert Castryck (Leipzig University)

 

Paper abstracts

Norman Aselmeyer
Verbrannte Wälder: Eisenbahn, Entwaldung und Entwurzelung in Kenia, 1895–1914

Bis heute ist die Landfrage eine der zentralen Themen der kenianischen Geschichtsschreibung. Umso erstaunlicher ist es, dass dem „anderen verlorenen Land“ (Nancy Murray) kaum Aufmerksamkeit zuteilwurde. Die Geschichte der kolonialen Waldpolitik in Kenia ist kaum erforscht. Wie in anderen britischen Kolonien auch, wird die Waldpolitik vor allem unter den Vorzeichen des Bestandschutzes gesehen. Die Kolonialverwaltung in Kenia erachtete unter anderem die Schwendwirtschaft der Kikuyu als akute Gefahr für die Wälder. Allerdings zeigt sich bei genauerem Hinsehen, dass die Einrichtung der Forstbehörde und der Beginn der Waldpolitik in direktem Zusammenhang mit dem Bau der Ugandabahn stehen und ihrem unmittelbaren Bedarf an Holzbrennstoff. Die nachfolgende Politik, die Kenias Wälder zu einer Einnahmequelle des Staates machte, hatte die Vertreibung und Umsiedlung von Bevölkerungen zur Folge. Dieses Paper untersucht anhand der Kikuyu in Zentralkenia, inwiefern die Ugandabahn zur Entwurzelung ganzer Gemeinschaften führte und wie diese darauf reagierten. Traditionell waren die Wälder am Mount Kenia für viele Kikuyu Heimstätte. Dort siedelten sie, kultivierten ihre Nahrungsmittel, weideten Tiere, schlugen Feuerholz, suchten Schutz und feierten Riten. Die Umsiedlungen entzog ihnen Lebensgrundlage und kulturelle Basis. In Folge dessen wurden sie in die Lohnarbeit getrieben, zumeist fernab der Heimat. Gegen die soziale und räumliche Desintegration formierte sich Widerstand: Einerseits färbte die Vertreibung aus den Wäldern die Einstellung der Kikuyu gegenüber den Europäern, die diese alsbald bewirtschafteten, andererseits wurde der eigene Besitzanspruch durch dauerhafte Missachtung kolonialer Verordnungen bekräftigt. Die Autorität der Kolonialmacht wurde so permanent infrage gestellt. Das Paper untersucht am Beispiel der Kikuyu die Auflösungstendenzen und Behaarungskräfte sozialer und räumlicher Kohäsion als Antwort auf das Vordringen kolonialer Infrastruktur.

Julia B. Held
Das Erbe imperialer Migration: Demographische Entmischung, Staatsbürgerschaft und die asiatischen Minderheiten Ostafrikas (ca. 1961–1972)

Das Paper beschäftigt sich mit der Frage, wie sich die gerade unabhängig gewordenen ostafrikanischen Staaten mit dem Erbe imperialer Migration vom indischen Subkontinent auseinandergesetzt haben. Minderheitspolitiken, neue Restriktionen in Migrationsgesetzgebung und Staatsbürgerschaftskonzepte spielen hierbei eine zentrale Rolle. Vor allem der Frage nach sozialer und politischer Exklusion der asiatischen Bevölkerung durch staatliche und nichtstaatliche Akteure soll nachgegangen werden. Dieser Exklusionsprozess war eingebettet in eine globale Debatte um Staatsbürgerschaft, die im Kontext von sich in Auflösung befindenden Kolonialreichen geführt wurde. Die Fälle Tanganyika/Tansania und Uganda sollen hier in diesen regionalen und globalen Kontext von neuen post-imperialen Diskursen zu Staatsbürgerschaft und nationaler bzw. imperialer Zugehörigkeit gesetzt werden. Diskurse beschäftigten sich vornehmlich mit der Frage, wer Teil der neuen Nation werden konnte, wer demnach Anspruch auf nationalstaatlicher Staatsbürgerschaft und den damit einhergehenden Rechten hatte und für wen der neue Nationalstaat bzw. der alte Hegemon Verantwortung übernehmen sollte. Das Paper diskutiert des Weiteren den Exodus der asiatischen Minderheit aus Ostafrika als Teil eines neu aufkommenden Isolationismus, post-imperialer Entmischung und eines Homogenisierungsschub post-kolonialer Gesellschaften als eine Reaktion auf Dekolonisation. Bürokratische Abläufe wie die Antragsstellung auf Staatsbürgerschaft, sowie neue Immigrationsgesetzgebungen wie der Kenya Immigration Act 1967 und der Commonwealth Immigration Act 1968 als wichtige Faktoren trieben diesen regionalen Trend weiter voran.

Geert Castryck
Once a Portal of Globalization, Always a Portal of Globalization? Memories and Legacies of Lost Centrality in Urban Kigoma

Around 1930, the urban area of Kigoma-Ujiji rapidly lost the pivotal position it had held for almost a century. From the mid-nineteenth century until the decade after the First World War, the twin towns of Ujiji and Kigoma at Lake Tanganyika had accumulated centrality in commercial, urbane, strategic, administrative, and logistic domains. Changes in East Central African infrastructure, in the global economy, in territorialization, and in colonial power relations led to a decline of Kigoma’s global positionality. Nevertheless, the town remained a hub on a regional scale. In archives and interviews, I noticed that observers interpreted this lost centrality as the result of neglect by political authorities –both colonial and post-colonial. One could argue that this discourse of intentional neglect –rather than of structural decline– betrays a self-understanding as intrinsically more important and central than the town’s contemporary situation warrants. At the same time, the reduced connectedness did not put an end to railway and ferry connections, nor did it prevent the UNHCR, the Jane Goodall Foundation, the Brothers of Charity, and Qadiriyya shaykhs from establishing themselves in Kigoma-Ujiji. Despite its lost centrality, an awareness of its position in the world, its historical importance, and the global connectedness persists as part of Kigoma-Ujiji’s self-perception. The legacy of having been a portal of globalization, in combination with a continued regional centrality between West Tanzania, East Congo, and Burundi, and a paradoxical global connectedness strengthened by crisis and marginality, makes it worthwhile to reflect if Kigoma-Ujiji, after all, remains a portal of globalization –a place where global connectedness is shaped.